Das Zeugnis ist da, sechs Wochen Ferien liegen vor euch - und irgendwo zwischen Koffer packen und Freibad taucht die Frage auf, die sich fast alle Eltern stellen: Soll mein Kind in den Ferien etwas für die Schule tun? Die ehrliche Antwort aus unserer Praxis: meistens weniger, als du denkst - aber gezielter.
Erst die ehrliche Frage: Muss überhaupt gelernt werden?
Bevor du einen Ferienplan baust, lohnt ein nüchterner Blick aufs Zeugnis. Aus unserer Sicht gibt es drei Fälle:
- Das Zeugnis ist in Ordnung. Dann ist die Antwort einfach: Ferien sind Ferien. Dein Kind hat ein ganzes Schuljahr gearbeitet - die Erholung ist keine verschenkte Zeit, sie ist verdient. Ein Kind, das im August ausgeruht startet, holt einen kleinen Sommer-Rost in aller Regel in wenigen Wochen von selbst auf.
- Eine Note wackelt oder ein Thema ist offen geblieben. Dann hilft dosiertes Wiederholen in der zweiten Ferienhälfte - dazu gleich der Plan. Wichtig: Es geht ums Schließen einzelner Lücken, nicht um ein sechstes Schuljahr im Wohnzimmer.
- Es steht eine Nachprüfung an oder die Versetzung hing am seidenen Faden. Das ist ein eigener Fall mit eigenem Fahrplan - den haben wir hier beschrieben: Nachprüfung nach den Sommerferien.
Warum die ersten zwei Wochen immer frei sind
Das ist der Punkt, an dem wir in Erstgesprächen am häufigsten überraschen: Wir empfehlen, die ersten zwei Ferienwochen komplett freizuhalten - gerade dann, wenn das Zeugnis schlecht war. Das klingt verkehrt, ist aber Erfahrung aus vielen Sommern: Ein Kind, das mit einer Vier oder Fünf aus dem Schuljahr kommt, ist nicht nur fachlich hinten dran, sondern vor allem erschöpft und oft entmutigt. Wer in diesem Zustand am dritten Ferientag Arbeitsblätter vorgelegt bekommt, verbindet Lernen leicht noch fester mit Strafe - und diese Verbindung ist später oft schwerer zu reparieren als die Wissenslücke selbst.
Eine Familie wollte nach einem schwachen Zeugnis direkt am ersten Ferientag mit täglichem Üben starten. Wir haben sie überzeugt, zwei Wochen komplett auszusetzen. Das Kind kam danach von allein zur ersten Übungseinheit - ausgeruht statt im Widerstand.
Erholung ist also nicht das Gegenteil von Aufholen. Sie ist die Bedingung dafür, dass Aufholen funktioniert.
Der 6-Wochen-Plan, wenn Üben sinnvoll ist
- Woche 1 und 2: komplett frei. Kein Buch, kein schlechtes Gewissen, keine Anspielungen beim Abendessen.
- Woche 3 und 4: dreimal pro Woche 20 bis 30 Minuten wiederholen. Kein neuer Stoff - nur das, was im letzten Jahr gewackelt hat. Der beste Kompass dafür sind die alten Klassenarbeiten: Was darin schiefging, ist die Übungsliste. Drei kurze Einheiten schlagen jede Zwei-Stunden-Sitzung am Sonntag.
- Woche 5: nach vorn schauen. Gerade in Mathe baut das neue Schuljahr direkt auf dem alten auf. Wer die Bruchrechnung aus Klasse 6 nicht sicher kann, kämpft in Klasse 7 an zwei Fronten. Eine Stunde, in der ihr gemeinsam sortiert, was sicher sitzt und was nicht, ist mehr wert als zehn Stunden ungezieltes Rechnen.
- Woche 6: wieder frei - und langsam in den Rhythmus. Die letzte Woche gehört dem Ankommen: wieder früher ins Bett, wieder früher raus. Ein Kind, das am ersten Schultag ausgeschlafen ist, hat mehr gewonnen als durch jedes zusätzliche Arbeitsblatt.
Die 20-Minuten-Regel
Wenn eine Übungseinheit regelmäßig länger als 20 bis 30 Minuten dauert, ist meistens nicht das Kind das Problem, sondern die Aufgabe: zu groß, zu unklar, zu viel auf einmal. Lieber eine einzige Aufgabenart pro Einheit sauber üben - und aufhören, solange es noch gut läuft. Der letzte Eindruck entscheidet, mit welchem Gefühl dein Kind morgen wieder anfängt.
Wie das klappt, ohne den Ferienfrieden zu opfern
Die meisten Ferien-Lernpläne scheitern nicht am Stoff, sondern am Streit. Drei Dinge, die den Unterschied machen:
- Den Plan gemeinsam bauen, nicht verordnen. Dein Kind darf mitentscheiden, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit geübt wird. Wer den Plan mitgebaut hat, verteidigt ihn - wer ihn vorgesetzt bekommt, bekämpft ihn.
- Feste Zeiten statt täglicher Verhandlung. „Dienstag, Donnerstag, Samstag nach dem Frühstück“ ist eine Regel. „Irgendwann diese Woche“ ist eine tägliche Diskussion.
- Du musst nicht danebensitzen. Deine Aufgabe ist, dass die Einheit stattfindet - nicht, sie zu unterrichten. Tägliches Abfragen und Kontrollieren macht aus 20 Minuten Üben einen Machtkampf.
Wann Wiederholen allein nicht reicht
Es gibt Situationen, in denen der schönste Ferienplan an seine Grenze kommt: wenn die Lücken nicht aus einem Halbjahr stammen, sondern sich über Jahre aufgebaut haben. Wenn dein Kind gar nicht sagen kann, wo es eigentlich hakt. Oder wenn nach den Ferien die Oberstufe beginnt und das Fundament tragen muss. Dann ist die wichtigste Ferien-Investition keine Übungsstunde, sondern eine ehrliche Standortbestimmung: erst wissen, wo es klemmt - dann gezielt genau dort arbeiten statt überall ein bisschen.

David März
Unterrichtet seit 2009, erst als Nachhilfelehrkraft, heute als Dozent und Gründer der März Akademie.